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Was heute jeden Tag von freien Bürgern auf unseren Autobahnen veranstaltet wird, ist ganz einfach Krieg. Ohne Stern, vier Ringe oder Propeller am Kühler geht schonmal nix. Ich kenne jemanden, dessen Kinder rumlaufen wie die Kelly-Family, aber Hauptsache der “Fünfer mit den breiten Schlappen” steht vor der Haustür. Und dann tief fliegen auf der Autobahn.

Es geht hier ja nicht um das von den freifliegenden Bürgern immer wieder beschworene Rentnerlein, das sich mit 80 auf die linke Spur verirrt. Oder die junge Frau, die einen Überholvorgang halt mit dem Leben bezahlt - selbst schuld, wenn man sich ohne die nötige Fahrpraxis oder die obligatorischen 200 PS aufwärts auf die linke Spur begibt…

Was ich als Otto Normalautobesitzer praktisch jedesmal auf der hirnfreien Zone Autobahn erleben darf, ist wirklich spannend:
Rechts die Kolonne von Zeitdruck getriebener Lastwagenfahrer mit ihren 40-Tonnen-Kolossen, seit 45 Stunden auf dem Bock weil irgend jemand mal auf die Idee gekommen ist , daß man jede Menge Lagerhäuser sparen kann, auf der Autobahn ist ja genug Platz - schwups war “Just in Time” geboren.
Links… naja. Schwierig. Mein Opel fährt zwar mit angemessenem Anlauf auch fast 180, aber die Zeit um auf diese Geschwindigkeit zu kommen, habe ich selten. Mal sehen.

Na, das sieht gut aus, weit hinten am Horizont das nächste Auto, also rüber und Gummi geben. Kurze Zeit später habe ich um die 150 drauf, mein Blick fällt in den Innenspiegel…. und ich kann den BMW-Fahrer hinter mir schon ganz deutlich erkennen, der herankommt, natürlich Blinker links stets gesetzt, wild mit der Lichthupe blinkend, er ist ungefähr 100 Stundenkilometer schneller als ich und macht wenig Anstalten, diese Geschwindigkeit zu reduzieren.

Fährt der jetzt durch mich durch???? Was tun? Schneller fahren? Inzwischen habe ich 180 drauf und möchte gar nicht dran denken, was ich meinem Auto und meinem Geldbeutel mit der Raserei antue… Vor Schreck das Lenkrad nach rechts reißen? Damit komme ich nicht weit, neben mir zieht ein “Brummi” seine Bahn, den ich aber nicht durch das Geräusch wecken möchte, welches das Zerschellen meines Autos an seinem Auflieger verursacht… wäre er nicht da, könnte ich immerhin mein Versagerleben ehrenhaft im Gebüsch neben der Autobahn beenden… Aber was mache ich mir Gedanken, hinter mir ist ja ein erfahrener Fahrer, der sein Fahrzeug voll im Griff hat! Gekonnt bremst er herunter auf meine Geschwindigkeit und hält dabei einen nach seiner Ansicht vollkommen ausreichenden Abstand von reichlich vierzig Zentimeter zu meiner hinteren Stoßstange. Natürlich nicht ohne weiterhin links zu blinken, das Fernlicht ist inzwischen fast permanent eingeschaltet. Jetzt kann ich auch sehr schön sein verzerrtes Gesicht erkennen, der Schaum aus den Mundwinkeln tropft auf sein BOSS-Hemd und ich frage mich insgeheim, wie er es schafft, gleichzeitig zu toben, zu gestikulieren, immer mal wieder mit dem Fernlicht zu blinken und dabei 2 Tonnen modernste bayerische Fahrzeugtechnik unter Kontrolle zu halten…

Eine schier ausweglose Situation, in der Karawane der “Brummis” tut sich keine Lücke auf…. doch - da! Ich schere nach rechts in die Fluchtmöglichkeit und beweise meine eigene generelle Mutitaskingfähigkeit, indem ich gleichzeitig den Astra von 180 brutal auf 90 herunterbremse, dabei tatsächlich nicht die Kontrolle über das Auto verliere und gleichzeitig bete, daß der freundliche Mann im LKW hinter mir mich trotz seiner Vertiefung in seine Pediküre bemerkt und von dem vor mir fahrenden Laster keine der Eulen aus der Ladung die zottelige Plane und meine Windschutzscheibe durchschlägt. (Ich vermute, daß der Laster Eulen geladen hat, denn er kommt aus Athen und ist Richtung Süden unterwegs - wenn er also zurück nach Athen fährt, muß er nach den Gepflogenheiten des EU-Straßengüterverkehrs eindeutig Eulen geladen haben…).

An der nächtsten Autobahnbaustelle sehe ich den BMW-Fahrer in der auf 80 heruntergebremsten Kolonne übrigens wieder - er hat tatsächlich zwei Autolängen gut gemacht. Ich bin beeindruckt und gestehe ihm zu, daß der Verlust meines Lebens zur Erreichung dieses Zieles sicher ein in Kauf zu nehmender Kollateralschaden gewesen wäre…

Ich glaube, ein Tempolimit brächte uns alle antspannter ans Ziel. Und das hat nicht zuerst nur etwas mit der Umwelt zu tun, oder damit, daß die Unfalltoten rückläufig sind (was wohl durchaus auch der besseren passiven Sicherheit der Autos zu verdanken ist). Turbo-Rolf und seine Freunde sind für mich der endgültige Beweis, daß Leben ohne Hirn möglich ist.

Vor ein paar Tagen klingelte mal wieder abends das Telefon, zur besten Telefonmarketingzeit - so zwischen sieben und acht. Das Display zeigt eine Nummer im Ortsbereich an. Da erwartet mich eher kein mehr oder minder schlecht agierendes armes Callcenterschwein, sondern eine Überraschung, ist mir die Nummer doch vollständig unbekannt.

Und dann haut es mich fast vom Hörer: Am anderen Ende ist mein ehemaliger Mitschüler Rainhold.

Rainhold, für den die Bezeichnung “Streberleiche” damals erfunden wurde. Der schon damals Arroganz zur Kunstform erhoben hatte. Und er ist so ungeheuer klebrig freundlich, daß man Angst bekommen könnte, am Hörer hängen zu bleiben. Begrüßt mich tatsächlich wie einen lange nicht gehörten Kumpel und meint dann auch noch, meine Stimme erst gar nicht wiedererkannt zu haben…

Leider bin ich in diesem Moment zu überfahren, um die einzige richtige Antwort zu geben, die da wäre: “Ich erkenne Deine Stimme auch kaum wieder, schließlich hast du seit 1981 kein Wort mehr mit mir gewechselt, und da war ich ja noch nicht mal im Stimmbruch…”

Ja, ein unbedarfter Zuhörer hätte Reinis plastik-freundliche, teflonbeschichtete und komplett abwaschbare Alt-Kumpel-Begrüßung für das übliche Wiedermalmelden nach 20 Jahren gehalten.

Was steckt dahinter? Als Elfjähriger habe ich Reinhold mal einen Streich gespielt, Asche auf mein Haupt. Von Stund an behandelte er mich wie Dreck und hatte höchstens noch einen arroganten Blick für mich übrig. Bis zu diesem Telefongespräch.

By the way: Mich hat’s eher weniger gestört. Ich lebte mein Leben und er stylte sich zur Streberikone mit Gelfrisur hoch. Prima.

Leider kreuzten sich unsere Wege in der Oberstufe wieder. Ich kam auf die Schnapsidee, Bio als Leistungkurs zu nehmen, genau wie mein bester Freund Alex. Wir waren in der 11. ganz gut in Bio. Und besser als Mathe, da hatte ich keinen Durchblick. Und irgendwas zweites mußte ich ja neben Deutsch nehmen. Alex auch.

Mit dieser verhängnisvollen Entscheidung hatten wir beide uns direkt in die Umlaufbahn des Planeten Irrsinn befördert.

Daß der Bio-LK aus einem munteren Völkchen schräger Teenager-Existenzen bestand, war die einzige Parallele zu den anderen Oberstufen-Leistungskursen. Die höheren Weihen des gepflegten Wahnsinns erreichte er durch Teilnehmer wie Rainhold und vor allem durch die unermüdliche pädagogische Tätigkeit von Oberstudienrat Emm.

Herr Emm hat uns damals zwei wichtige Lebensregeln beigebracht:

1.) Nur die, die sich wie richtige Arschlöcher verhalten kommen zu was.

2.) Nur wer etwas wirklich beherrscht, kann es jemand anderem beibringen.

Unvergessen sein Monolog über den Unterschied zwischen “scheinbar” und “anscheinend”. Bis an mein mehr oder weniger seliges Ende werde ich mich auch nicht mehr zwischen Nitrat und Nitrit verhaspeln.
Und da sind noch so viele andere schöne Erinnerungen an vertane Zeit und sinnlose schulische Drangsal.

Richtig klasse wurde es aber erst nach den LK-Abschlußfahrten.

Das Problem: Du hast zwei Leistungkurse und kannst nur auf eine Abschlußfahrt gehen.

Für Alex und mich war das grundsätzlich keine Frage, die Entscheidung zwischen einer interessanten Reise mit großartigen Lehrern in die Partnerstadt nach Polen oder Sich-Selbst-Geilfinden an der (damals noch) jugoslawischen Adria mit nachmittäglichem Fischesezieren im meeresbiologischen Institut unter der Leitung des Jahrhundertphilologen.

(Anmerkung: Mal davon abgesehen, daß bei meinem Luxuskörper einen “Badeurlaub” mit lauter durchtrainierten Selbstdarstellern schon damals eher in die Rubrik “ganz blöde Idee” gefallen wäre)

Wir fuhren also nach Polen, hatten eine fantastische Zeit und ahnten nicht, was noch kommen sollte. Wir waren endgültig zu Renegaten geworden, und das galt es nun zu beweisen: Der Bio-LK kam als verschworene Gemeinschaft zurück - und war per Du mit dem leitenden Pädagogen!

Blöd genug, nahmen wir beide auch noch die Einladung zu einem Abschiedswochenende im Harz an. Das wurde dann erst wirklich klasse, weil die nun zu einer unerschütterlichen Einheit verschmolzenen Meeresforscher natürlich keine noch so dämliche Gelegenheit zu einem Schauschmusen mit ihrem neuen besten Freund aus dem Lehrerkollegium ausließen. Und der OStR schnurrte und duzte plakativ und jovial alle seine neuen Jünger.

Na gut, Schwamm drüber. Das Abschiedswochenende ist seit 20 Jahren vorbei und wie haben die “Helden” so schön gesungen - die Zeit heilt alle Wunder.

Wie das aber so ist nach 20 Jahren, man möchte mal wieder die alten Leute von damals treffen in der Hoffnung, daß man den geilsten Job, das tollste Auto und die beste Adresse hat. Dieser Drang scheint so groß zu sein, daß er sogar den Graben (und den Todesstreifen und die Selbstschußanlagen) zwischen Rainhold und mir zu überwinden vermochte und ihn tatsächlich dazu brachte, bei mir anzurufen und mich ganz jovial zu einem “20-years-after”-Treffen einzuladen mit den ganzen Arschleckern des Herrn Emm und selbstverständlich auch mit “TheArtistFormerlyKnownAsBiolehrer” himself.

Ich hab Rainhold abgebügelt und vergangene, derzeitige und zukünftige Treffen kategorisch ausgeschlossen.

(Ich hatte im April Windpocken. Am ganzen Körper juckenden Ausschlag und die Seele aus dem Leib gekotzt. Warum sollte ich mir in diesem Jahr freiwillig noch was schlimmeres antun?)

(Anmerkung: Einige Namen und Orte geändert, soll ja nicht zu einfach sein…)

Inzwischen sind mehr als 60 der Abschiedsfahrt-Büchlein bestellt worden und ich freue mich sehr über das unerwartet große Interesse an meinem eigentlich ja nur als Versuchsballon gestarteten Book-on-demand-Projekt.

Vielen, ganz herzlichen Dank an alle, die so großes Interesse an meiner kleinen Reisegeschichte gezeigt haben!

Da ich aber denke, daß nach der Einstellung des N-H-Personenbetriebes nun das Interesse an dem Büchlein sicher relativ schnell nachlassen wird, werde ich das Projekt bei BoD zum September stoppen, um keine sinnfreien Datenvorhaltungskosten zu generieren.

Mein erstes Buch... naja, Büchlein... aber immerhin!

A5 quer, 56 Seiten, Paperback

Das bedeutet: Wer noch Interesse an dem Büchlein hat, möge es demnächst bestellen (dazu hier klicken), weil es voraussichtlich nur noch bis Ende August bei BoD im Programm sein wird.

Ich habe im Moment mehrere neue Projekte angedacht, bei denen ich grundsätzlich eine zweigleisige Veröffentlichung Blog / BoD angedacht habe, dabei ist auch eine Rückkehr nach Hüffenhardt nicht gänzlich ausgeschlossen… wobei das aber von verschiedenen, noch schwer einzuschätzenden externen Faktoren abhängig ist.

Mal sehen.

Nachdem ich ja schon vor einiger Zeit in meiner gescheiterten Selbständigenzeit bei der Arbeit im Digitaldruck-Laden das Panorama-Studio von Tobias Hüllmandel kennen- und schätzengelernt hatte, habe ich mir privat auch eine Version gekauft. Wie bei vielen meiner steil gestarteten aber dann eher tief fliegenden Projekte habe ich dann aber eine ganze Weile außer ein paar Versuchen nicht viel damit angefangen, jetzt bin ich beim Laptop-Platte-Aufräumen über den “Panoramabilder”-Ordner gestolpert und fand die Versuche auf den zweiten Blick gar nicht mal so gut, also habe ich beschlossen, sie auch nach und nach meinen geneigten Lesern anzutun. An sich ist das mit den Panos ja schon recht ausgelutscht, aber für’s Sommerloch immer noch besser als die notorischen Weihnachtsfilme in den Privatsendern.

Voilà:

Link zur Originaldatei: Viel Betrieb auf der Odenwaldbahn

Kleine Anmerkung für Kenner der Materie: Natürlich wird auch im Winter auf der Odenwaldbahn nicht auf Sicht gefahren… kleiner optischer Gag meinerseits…

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