Zum SWR3-Thema “Streß im Straßenverkehr”
30. Oktober 2009 von enniwann
Was heute jeden Tag von freien Bürgern auf unseren Autobahnen veranstaltet wird, ist ganz einfach Krieg. Ohne Stern, vier Ringe oder Propeller am Kühler geht schonmal nix. Ich kenne jemanden, dessen Kinder rumlaufen wie die Kelly-Family, aber Hauptsache der “Fünfer mit den breiten Schlappen” steht vor der Haustür. Und dann tief fliegen auf der Autobahn.
Es geht hier ja nicht um das von den freifliegenden Bürgern immer wieder beschworene Rentnerlein, das sich mit 80 auf die linke Spur verirrt. Oder die junge Frau, die einen Überholvorgang halt mit dem Leben bezahlt - selbst schuld, wenn man sich ohne die nötige Fahrpraxis oder die obligatorischen 200 PS aufwärts auf die linke Spur begibt…
Was ich als Otto Normalautobesitzer praktisch jedesmal auf der hirnfreien Zone Autobahn erleben darf, ist wirklich spannend:
Rechts die Kolonne von Zeitdruck getriebener Lastwagenfahrer mit ihren 40-Tonnen-Kolossen, seit 45 Stunden auf dem Bock weil irgend jemand mal auf die Idee gekommen ist , daß man jede Menge Lagerhäuser sparen kann, auf der Autobahn ist ja genug Platz - schwups war “Just in Time” geboren.
Links… naja. Schwierig. Mein Opel fährt zwar mit angemessenem Anlauf auch fast 180, aber die Zeit um auf diese Geschwindigkeit zu kommen, habe ich selten. Mal sehen.
Na, das sieht gut aus, weit hinten am Horizont das nächste Auto, also rüber und Gummi geben. Kurze Zeit später habe ich um die 150 drauf, mein Blick fällt in den Innenspiegel…. und ich kann den BMW-Fahrer hinter mir schon ganz deutlich erkennen, der herankommt, natürlich Blinker links stets gesetzt, wild mit der Lichthupe blinkend, er ist ungefähr 100 Stundenkilometer schneller als ich und macht wenig Anstalten, diese Geschwindigkeit zu reduzieren.
Fährt der jetzt durch mich durch???? Was tun? Schneller fahren? Inzwischen habe ich 180 drauf und möchte gar nicht dran denken, was ich meinem Auto und meinem Geldbeutel mit der Raserei antue… Vor Schreck das Lenkrad nach rechts reißen? Damit komme ich nicht weit, neben mir zieht ein “Brummi” seine Bahn, den ich aber nicht durch das Geräusch wecken möchte, welches das Zerschellen meines Autos an seinem Auflieger verursacht… wäre er nicht da, könnte ich immerhin mein Versagerleben ehrenhaft im Gebüsch neben der Autobahn beenden… Aber was mache ich mir Gedanken, hinter mir ist ja ein erfahrener Fahrer, der sein Fahrzeug voll im Griff hat! Gekonnt bremst er herunter auf meine Geschwindigkeit und hält dabei einen nach seiner Ansicht vollkommen ausreichenden Abstand von reichlich vierzig Zentimeter zu meiner hinteren Stoßstange. Natürlich nicht ohne weiterhin links zu blinken, das Fernlicht ist inzwischen fast permanent eingeschaltet. Jetzt kann ich auch sehr schön sein verzerrtes Gesicht erkennen, der Schaum aus den Mundwinkeln tropft auf sein BOSS-Hemd und ich frage mich insgeheim, wie er es schafft, gleichzeitig zu toben, zu gestikulieren, immer mal wieder mit dem Fernlicht zu blinken und dabei 2 Tonnen modernste bayerische Fahrzeugtechnik unter Kontrolle zu halten…
Eine schier ausweglose Situation, in der Karawane der “Brummis” tut sich keine Lücke auf…. doch - da! Ich schere nach rechts in die Fluchtmöglichkeit und beweise meine eigene generelle Mutitaskingfähigkeit, indem ich gleichzeitig den Astra von 180 brutal auf 90 herunterbremse, dabei tatsächlich nicht die Kontrolle über das Auto verliere und gleichzeitig bete, daß der freundliche Mann im LKW hinter mir mich trotz seiner Vertiefung in seine Pediküre bemerkt und von dem vor mir fahrenden Laster keine der Eulen aus der Ladung die zottelige Plane und meine Windschutzscheibe durchschlägt. (Ich vermute, daß der Laster Eulen geladen hat, denn er kommt aus Athen und ist Richtung Süden unterwegs - wenn er also zurück nach Athen fährt, muß er nach den Gepflogenheiten des EU-Straßengüterverkehrs eindeutig Eulen geladen haben…).
An der nächtsten Autobahnbaustelle sehe ich den BMW-Fahrer in der auf 80 heruntergebremsten Kolonne übrigens wieder - er hat tatsächlich zwei Autolängen gut gemacht. Ich bin beeindruckt und gestehe ihm zu, daß der Verlust meines Lebens zur Erreichung dieses Zieles sicher ein in Kauf zu nehmender Kollateralschaden gewesen wäre…
Ich glaube, ein Tempolimit brächte uns alle antspannter ans Ziel. Und das hat nicht zuerst nur etwas mit der Umwelt zu tun, oder damit, daß die Unfalltoten rückläufig sind (was wohl durchaus auch der besseren passiven Sicherheit der Autos zu verdanken ist). Turbo-Rolf und seine Freunde sind für mich der endgültige Beweis, daß Leben ohne Hirn möglich ist.
